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Es sind nicht die anderen!

Covid-19 hat weite Teile der Welt in den Ruhemodus versetzt und wir stecken mitten in einer globalen Krise unübersehbaren Ausmaßes.

Naturgemäß wird aktuell viel über das Potenzial, dass jede Krise in sich trägt geredet und darüber welches Potential in dieser Krise stecken kann - gesellschaftlich, politisch, wirtschaftlich, ökologisch, sozial, spirituell ... welche Folgen und Auswirkungen sie auf das Leben jeder/s Einzelnen, auf die Gesellschaft, auf Länder, Kontinente, und die gesamte Menschheit haben kann und wird.

Und natürlich mache auch ich mir meine Gedanken zu diesem Thema. Diese sind gleichermaßen beeinflußt von Fakten und Informationen, die in den Medien präsent sind, sowie durch Austausch mit Menschen, denen ich begegne und gefiltert durch meine Achtsamkeits- und Dharmapraxis.

Unterschiedliches Erleben

In habe auch in Coronazeiten jeden Tag von Angesicht zu Angesicht mit verschiedensten Menschen zu tun und erfahre ganz unmittelbar von ihren Ängsten und Nöten, ihren Erwartungen, Vorstellungen, Wünschen und Meinungen. Ich treffe auf Menschen, die Angst haben, lebensbedrohlich zu erkranken. Viele warnen vor einem möglichen Kollaps unserer Gesundheitssystems, wo andere von Panikmache sprechen. Ich kenne viele Menschen, die Angst haben, ihre berufliche Existenz zu verlieren. Andere sind am Rande des Nervenzusammenbruchs, weil das Familienleben, mit zu beschulenden Kindern und im Homeoffice arbeitenden Eltern ungeahnte Herausforderungen mit sich bringt. Ich höre von Menschen, die ihre alten, kranken Eltern Zuhause pflegen und plötzlich die Enkelkinder im Haus haben, weil ihre Kinder und Schwiegerkinder arbeiten gehen müssen und die Enkelkinder, die nicht mehr in die Schule gehen, irgendwo untergebracht werden müssen. Ich erlebe Hamsterer und Menschen, die sich über Hamsterer lustig machen, Menschen die sich geduldig an die auferlegten Regeln halten und andere, die mir völlig distanzlos auf die Pelle rücken. 

 

Die Meinungen, die ich zu hören bekomme, gehen von: "Jeder, der zur Zeit das Haus verlässt, gefährdet fahrlässig das Leben andere Menschen." über "Wenn das noch länger so weiter geht, wird die Zahl der Suizidtoten bald die Zahl der echten (also der an Covid-19 gestorbenen, nicht zu verwechseln mit Verstorbenen, die mit Covid-19 infiziert waren) Corona-Toten übersteigen." zu "Das ist eine gezielte, politische Maßnahme, um massive Einschränkungen unserer (Freiheits-)Rechte durchzusetzen." und "Das ist das Beste, was dem Planeten und dem Klima passieren konnte." und so weiter und so fort.

Was ich höre und sehe, deckt die gesamte Bandbreite menschlichen Erlebens ab. Und vermutlich steckt in allem ein Fünkchen Wahrheit.

Realitätsblasen

Wir alle leben in unserer ganz eigenen Realitätsblase. Die Realität unseres Lebens entsteht durch unser Er-Leben. Was wir denken und fühlen, was sich zu Emotionen hochschaukelt, sehen wir als Realität, als Wahrheit an. Und wir tun uns mit denen zusammen, die in ähnlichen Blasen leben, ähnliche Realitäten erleben und HABEN RECHT. Die, die in anderen Blasen er-leben, haben logischerweise unrecht ... müssen unrecht haben. Diese Wahrheit allerdings stimmt für alle Realitätsblasen gleichermassen. 

 

In dieser Krise prallen nun Realitäten unmittelbar aufeinander, die völlig unvereinbar scheinen. 

Da gibt es zum einen die Realität / Wahrheit, dass wir weltweit Leben retten müssen, eine Pandemie eindämmen müssen und das nur schaffen können, indem wir uns für längere Zeit voneinander fern halten. Weitere Realitäten sind die Konsequenzen, die die getroffenen politischen Entscheidungen nach sich bringen: Arbeitslosigkeit (und deren Folgen), Einschränkung unserer Freiheitsrechte (und deren Folgen wie Aufweichen der Demokratie oder auch massives Aufbegehren, das in Gewalt umschlagen kann), Existenzängste (und Folgen wie Suizid), soziale Isolation (und Folgen wie Depression, Angsterkrankungen), soziale Überforderung, weil Familien auf engem Raum aufeinander sitzen (und Folgen wie häusliche Gewalt), Hamsterkäufe von nahezu allem (mit der Folge, dass bestimmte Medikamente, Desinfektionsmittel, Nahrungsmittel für Allergiker*innen, Menschen mit Zöliakie, usw. nicht zur Verfügung stehen) ... Diese Liste lässt sich endlos weiter schreiben. 

 

Fakt ist, dass eine Realität, die aktuell unser aller Leben bestimmt und Leid verhindern soll, sehr viel Leid auf anderen Ebenen nach sich zieht. 

Die große Chance

Eine weitere Tatsache ist, dass all dieses Leid gleich real ist, weil es erlebt wird und gleichzeitig nicht allgemeingültig ist ... nicht allgemeingültig sein kann, weil es subjektiv erlebt wird. Wie wir unsere aktuelle Lebenssituation und die "Gesamtsituation" wahrnehmen, ist von unendlich vielen verschiedenen, individuellen Faktoren beeinflußt. Wir können ein und die selbe Situation gar nicht gleich erleben und bewerten. 

 

Wir leiden alle unter den Auswirkungen dieser Krise.

Worunter wir konkret leiden, unterscheidet sich,

dass wir leiden, eint uns.

 

Das ist ein Dilemma und gleichzeitig die große Chance.

Jedes Leiden, jede Realitätsblase hat genau die gleiche Daseinsberechtigung, denn es spiegelt das Erleben von Menschen wieder. Dass es Unterschiede gibt, macht nicht eines davon richtiger oder besser oder ein anderes schlechter oder falsch. Erleben, Leiden ist genau so, wie es erlebt wird. Da gibt es kein richtig oder falsch.

 

Wir alle erleben ständig. Unser ganzen Leben ist ein steter Fluß von Erleben. Was wir Leben nennen, formt sich durch unser Er-Leben. Dabei wollen wir Unangenehmes (Leiden) vermeiden, Angenehmes festhalten und gehen in der Regel davon aus, dass unser Handeln das einzig richtige ist. Dieses Grundmuster ist bei aller Unterschiedlichkeit der gemeinsame Nenner für unser Menschsein.

 

Wir alle leiden und halten unseren Weg

Leiden zu vermeiden / zu beseitigen für den einzig Richtigen.

Auch das eint uns.

 

Und genau darin liegt für mich das Potenzial dieser Krise, die uns alle trifft. Wenn wir erkennen und akzeptieren, dass jede dieser Realitätsblasen, jedes individuellen Erleben Teil eines großen Ganzen an menschlichem Erleben und Leiden ist, das sich in seiner Grundstruktur gleicht, kann das die Basis für ein Miteinander werden. Niemand muss dazu seine eigene schwierige Lebenssituation verleugnen. Der Sprung, den es zu machen gilt, heißt anzuerkennen, dass das für uns alle gilt. 

 

Eine dritte Tatsache ist, dass wir nichts wissen. Niemand kann uns sagen, wie die Lage aktuell tatsächlich ist und wie sie sich entwickeln wird. Alle Fakten und Informationen geben immer nur den aktuellen Stand des Nicht-Wissens wider. Und dieser verändert sich zur Zeit rasend schnell. Dazu kommt, dass all unsere Meinungen per se Nicht-Wissen sind. Es gibt keine Sicherheit, keine Kontrolle ... nur das Bedürfnis danach und die verzweifelten Versuche beides herzustellen. 

Die gemeinsame Ebene

"Will ich Recht haben oder Frieden?" Diese Frage wirkt nicht nur im Kleinen im alltäglichen Umgang mit Partner*innen, Freund*innen oder Kolleg*innnen. Sie wirkt immer. Wenn wir anderen Menschen das selbe zugestehen, wie uns selbst - das Recht auf eine eigene Wahrheit, eigenes Erleben, eine eigene Sicht und das Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle - können wir uns auf der gemeinsamen Ebene treffen, die immer da ist. Der Ebene des Menschseins. Der Ebene, auf der wir alle gleich sind.

 

Es fängt immer bei uns selbst an

Und es sind nicht DIE ANDEREN, die sich auf diese Ebene begegnen müssen. Es fängt bei uns selbst an. Wir formen unser Er-Leben. Solange wir nicht bereit sind, die Grenzen unserer Realitätsblase durchlässig zu machen, werden wir uns getrennt von dieser Ebene erleben. Zu dieser gemeinsamen Ebene des Menschseins erlangen wir nur Zugang, wenn wir selbst den Sprung wagen - raus aus unserer kleinen, ich-bezogenen Festung.

 

Lasst uns gemeinsam Anlauf nehmen!

Herzlich grüßt euch

Stefanie


Einen ganz wunderbaren Film über unser Menschsein hat Yann Arthus-Bertrand gedreht. Was macht uns Menschen aus? Über drei Jahre hinweg hat Bertrand Interviews mit mehr als 2.000 Menschen aus 60 Ländern geführt und so das Leben der Menschen auf unserem Planeten, das einerseits durch Kriege und Konflikte zerrissen, andererseits dank empathischer Solidarität, Mitgefühl und dem Gefühl des Zusammenhalts aufrechterhalten wird, dokumentiert.


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