Was läuft im Gehirn ADHS-Betroffener anders?

Nach aktuellem Stand der Forschung gilt als gesichert, dass bei ADHS-Betroffenen eine Störung des Neurotransmitterhaushalts und des Belohnungssystems (Dopamin und Noradrenalin) vorliegt.

  • Bei ADHS ist Dopamin in bestimmten Hirnarealen nicht in ausreichender Menge vorhanden, weil es - auf Grund von Störungen am Dopaminrezeptor und Dopamin-Transporter-Gen - im synaptischen Spalt zu schnell abgebaut wird.
  • Dopamin steuert Aktivität, Antrieb und Motivation. Der Dopaminmangel kann dazu führen, dass das ADHS-Gehirn buchstäblich die Arbeit verweigert, wenn es etwas nicht spannend findet. Dann sind selbst kleinste Erledigungen und Aufgaben nicht zu bewältigen. Das kann sich bis zu Denkblockaden steigern. 
  • Ist ausreichend Dopamin vorhanden, weil etwas als spannend erlebt wird, fällt es dem ADHS-Gehirn - als anderes Extrem - sehr schwer das zu beenden, womit es beschäftig ist.
  • Noradrenalin ist maßgeblich an geistiger Wachheit und Aufmerksamkeit, der Fähigkeit etwas aufnehmen zu können,  beteiligt.
  • Eine Fehlfunktion in der Aufnahme von Noradrenalin beeinträchtigt die Aufmerksamkeit des Menschen. Anzeichen sind “Müdigkeit”, “Desinteresse”, oft verbunden mit Gähnen, Räkeln oder vermehrter Unruhe.
  •  Ein ausreichend starker positiver oder als herausfordernd empfundener Reiz zündet allerdings sofort. ADHS-Betroffene sind dann schlagartig hellwach, können Informationen sehr gut aufnehmen und souverän, sehr präzise und ruhig (re)agieren. Oft sind sie dann der Fels in der Brandung, wenn anders in Panik geraten.

 

Es gilt außerdem heute als gesichert, dass ADHS mit einer geringeren Aktivierung folgender Hirnregionen, die für Aufmerksamkeit und die Verhaltensregulierung zuständig sind, einhergeht.

 

Das Stirn-/Frontalhirn ist zuständig für

  • Verhaltensregulierung
  • Entscheidungen
  • Auswertung von Erfahrungen (Reflexion)
Das setzt eine gut funktionierende Informationsverarbeitung voraus, bei der all die Millionen Reize, die jede Sekunde auf uns einströmen, gefiltert, sortiert, abgelegt, gelöscht, weitergeleitet werden können. Funktionieren diese Filter nicht ausreichend, kommt es zu einem Daten - Overflow. Das Gehirn kann die einströmenden Reize nicht sinnvoll verarbeiten, und ADHS-Betroffene sind nicht mehr in der Lage, die Fülle der Informationen sinnvoll zu sortieren und zu nutzen. Sie können sie nicht ausreichend gewichten und bewerten. Keine Prioritäten setzen.

 

Deutlich wird diese  Reizfilterschwäche anhand der folgenden Zahlen

  • Das Gehirn wird pro Sekunde mit 400 Milliarden Bits an Informationen bombardiert. Von dieser unvorstellbaren Informationsflut filtert das „normale“ Gehirn die wesentlichsten Informationen heraus, so dass nur ca. 2000 Bits pro Sekunde ins Bewusstsein gelangen. Wenn Menschen beispielsweise einem Vortrag zuhören möchten, setzt das Gehirn die Priorität auf den Vortrag und blendet unwesentliche Hintergrundinformation weitgehend aus. Nur ganz am Rande nimmt man Nebengeräusche wahr. Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht der Vortrag, den man hören möchte.
  • Das ADHS-Hirn ist dazu nicht in der Lage (außer der Vortrag ist superspannend), was bedeutet, dass weit mehr als 2000 Bits ins Bewusstsein gelangen UND all diese Informationen und Reize gleichermassen wahrgenommen werden. So nimmt es Stühlerutschen,  Geflüster von Menschen in der Reihe hinter ihm, den Wind und das Kinderlachen draußen auf der Straße, das Summen der Klimaanlage,... und die Worte des Vortrags gleich laut und als gleich wichtig wahr. 

So bekommen ADHS-Betroffene nur ein diffuses Bild der aktuellen Situation, vergleichbar mit dem Blick durch eine Brille, die unscharf eingestellt ist. Hinzu kommt, dass wir in unserer modernen Informationsgesellschaft ohnehin ständig mehr Reizen ausgesetzt sind, als unser Hirn verarbeiten kann - mit steigender Tendenz. Diese Reizüberflutung überfordert einen Menschen mit ADHS in besonderem Maße und zeigt sich in ständiger Ablenkbarkeit, Erschöpfung und Zerstreutheit.

 

Wenn ADHS-Betroffene ihre Aufmerksamkeit auf etwas fokussieren können, was sie wirklich interessiert, entwickeln sie einen „Tunnelblick“, mit dem sie Kleinigkeiten sehr genau und scharf wahrnehmen. Das erklärt, warum Betroffene sich sehr gut auf die Dinge konzentrieren können, die ihnen Spaß machen und für die sie Begeisterung aufbringen, denn hier erfolgt eine Hyperfokussierung und damit wohl auch eine besondere Form der Wachheit und Präsenz. Wichtige andere Informationen nehmen sie dann kaum wahr. So können sie häufig nicht angemessen auf komplexe Situationen reagieren.

 

Das Kleinhirn steuert

  • Motorik, Koordination, Feinabstimmung, unbewusste Planung und das Erlernen von Bewegungsabläufen.
  • Zudem wird ihm neuerdings auch eine Rolle bei zahlreichen höheren kognitiven Prozessen zugeschrieben.

Das Striatum ist

  • Bestandteil wichtiger neuronaler Regelkreise, die einen elementaren funktionellen Stellenwert für den exekutiven Teil des Gehirns haben.
  • Diese setzen das Zusammenwirken von Motivation, Emotion, Kognition und Motorik auf neuronaler Ebene um.

 

Der Hippocampus gehört zum limbischen System, ist maßgeblich an der Gedächtnisbildung beteiligt und quasi der Arbeitsspeicher des Gehirns.

  • Offenbar ist dieser Arbeitsspeicher bei ADHS insgesamt kleiner - was die Schwierigkeiten Betroffener erklären kann, Informationen vom Kurzzeitgedächtnis in das Langzeitgedächtnis zu transferieren.
Daher benötigen ADHS-Betroffene  mehr Lernwiederholungen als andere, um Lerninhalt dauerhaft zu speichern. Nur mit guter Motivation ist hier etwas zu erreichen. Und Motivation ist ein zentrales Problem bei ADHS.