Meditation und Achtsamkeit bei ADHS

Die Vorstellung hyperaktive, impulsive Menschen in meditative Ruhe zu bringen, mag absurd anmuten. ADHS und Achtsamkeitspraxis / Meditation scheinen auf den ersten Blick unvereinbar. Meiner Meinung und vor allem meiner eigenen Erfahrung nach, passen sie jedoch wunderbar zusammen - ergänzen sich sogar.

 

Achtsamkeit und Meditation sind heute gut erforscht. 

  • Wir wissen, dass sie stärkend auf Teile des Präfrontalen Cortex (zuständig für die Verhaltenssteuerung) und den Hippocampus  (Abeitsgedächtnis) wirken. Durch eine regelmässige Praxis nimmt die graue Substanz in diesen Bereichen zu.
  • Auch kommt es zu Veränderungen in der Zusammenarbeit zwischen Amygdala und Präfrontalen Cortex. Die Amygdala (Mandelkern) ist Teil des limbischen Systems und beeinflußt Emotion und Erinnerung - vor allem wenn Wut und Angst im Spiel sind.

Insgesamt geben neurowissenschaftliche Studien vielversprechende Hinweise darauf, dass sich Achtsamkeit und Meditation positiv auf Aufmerksamkeit, Stress, Emotionsregulation, Problemlösungsfähigkeit, Verbundenheit und Mitgefühl auswirken. Zahlreiche Studien mit Kindern und Erwachsenen mit ADHS zeigen, dass sie das auch bei diesem Personenkreis tun - was nicht weiter erstaunlich ist.

 

Wie können Achtsamkeit und Meditation ADHS-Betroffene konkret unterstützen?

In der Achtsamkeitspraxis /Meditation lernt man den Fokus der Aufmerksamkeit gezielt zu steuern und verbessert die Konzentrationsfähigkeit.

 

Durch das Beobachten von Körperempfindungen, Gefühlen und Gedanken in der Meditation verbessert sich die Selbstwahrnehmung. So können wir lernen, unser Verhalten bewusster zu steuern, Impulse zu regulieren und sind unseren überschießenden Reaktionen nicht mehr hilflos ausgeliefert. 

 

Die meisten Personen mit ADHS machen lebenslang die Erfahrung, anzuecken, zu scheitern und nicht zu genügen - weder sich selbst noch anderen. Sie sind voller Selbstzweifel und Scham. Die wertfreie, freundliche, annehmende, geduldige Haltung der Achtsamkeit kann ein Weg zu mehr Selbstmitgefühl und einem liebevolleren Umgang mit sich selbst sein.

 

Welche Qualitäten bringen ADHS-Betroffene mit in die Praxis?

Meditation bedeutet nicht, den Geist zu leeren und keine Gedankenaktivität zu haben, sondern bewusst im Augenblick zu sein - wahrzunehmen wie der Geist wandert, zu akzeptieren, dass er es tut und ihn immer wieder ins Jetzt zurück zu bringen. Den unruhigen Affengeist kennen fast alle Meditierenden - mit oder ohne ADHS. Menschen ohne ADHS wird er in der Meditation oft erst richtig bewusst und sie sind frustriert, dass sie die Aufgabe ‚den Geist zu beruhigen‘ nicht schaffen. ADHS-Betroffenen hingegen fällt in der Mediation, wenn sie die motorische Ruhelosigkeit überwinden können, recht schnell auf, dass es im Oberstübchen ruhiger wird. Sie machen positive Erfahrungen, die enorm motivieren können, dran zu bleiben.

 

Menschen mit ADHS vergessen schnell und haben Schwierigkeiten mit dem Planen. Sie leben im gegenwärtigen Augenblick, auf den sich auch die Achtsamkeitspraxis ausrichtet.

 

Wir Menschen mit ADHS leiden meines Erachtens nicht an einem Aufmerksamkeitsdefizit. Wir haben Probleme, die Aufmerksamkeit gezielt auszurichten. Durch unsere Reizoffenheit und die Fähigkeit eine Vielzahl an Reizen zeitgleich im Fokus zu halten, ist die Aufmerksamkeit eher erhöht, aber eben offen und weit gefächert - ideal für das Meditieren im offenen Gewahrsein und Einsichtsmeditation. 

 

Wenn sie etwas interessant finden, entwickeln Menschen mit ADHS nicht nur Anfängergeist, sondern auch Forschergeist. Beides sind Stützen der Achtsamkeitspraxis.

 

Menschen mit ADHS sind meist intuitiv und spontan. Sie haften nicht sehr an Regeln. Das kann sehr unterstützend dabei sein, sich in die Meditation hineinzufühlen. Denn Meditation ist keine korrekt auszuführende Technik, als vielmehr ein feines, waches, spürendes in sich Hineinlauschen.